SEELENLOSE GESELLSCHAFT

 

Könnte es im weiteren Verlauf unseres Jahrhunderts noch nötig werden, jenes geheimnisvolle Wesen, das die Menschen seit Jahrtausenden „Seele“ genannt haben, auf die „Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten zu setzen? Die Seele – ein in seinem Fortbestand gefährdetes Wesen, das des Arten-schutzes bedarf, weil seine Existenzgrundlagen durch die technokratische Industriegesellschaft Zug um Zug zerstört werden.

 TILL BASTIAN, Die seelenlose Gesellschaft, Kösel Verlag 2012

 

GLAUBE(N) ist ZU-SAGE

 

Du bist ein Kind Gottes.

Dich klein zu halten

dient der Welt nicht.

Dich klein zu halten,

damit die anderen um dich herum

sich nicht unsicher fühlen:

Das hat nichts mit Erleuchtung zu tun.

Wir sind geboren,

um die Größe Gottes,

der in uns lebt,

zu verwirklichen.

Und diese Größe

ist nicht nur in einigen von uns,

sie ist in jedem Menschen.

Und wenn wir unser Licht

leuchten lassen,

dann geben wir unbewusst

anderen Menschen die Erlaubnis,

dasselbe zu tun.

Wenn wir selbst von Angst frei sind,

dann sind die anderen

durch unser Dasein

auch frei.

 

MARIANNE WILLIAMSON

 

Der Rabbi und sein Schüler

 

Ein junger Jude kam zu seinem Rabbi und sagte: „Ich möchte gerne zu dir kommen und dein Jünger werden.“ Da antwortete der Rabbi: „Gut, das kannst du, ich habe aber eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten: Liebst du Gott? Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er: „Eigentlich, lieben, das kann ich nicht behaupten.“ Der Rabbi sagte freundlich: „Gut, wenn du Gott nicht liebst, hast du Sehnsucht, ihn zu lieben?“

 Der Schüler überlegte eine Weile und erklärte dann:

„Manchmal spüre ich die Sehnsucht sehr deutlich, aber meistens habe ich soviel zu tun, dass die Sehnsucht im Alltag untergeht.“ Da zögerte der Rabbi und sagte dann: „Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich verspürst, hast du dann Sehnsucht, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“

Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf und er sagte: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.“

Der Rabbi entgegnete: „Das genügt. Du bist auf dem Weg.“

 (Aus dem Begleitheft zur „Fußwallfahrt der AHS Wolkersdorf: Auf dem Jakobsweg durch das Weinviertel 2018“. F. d. I. v. Mag. Manfred KOLB, Religionslehrer)

 

 

Was ich brauche

(Kurt Marti)

 

Brauche ich Gott?

Ich brauche Menschen,

deren Mut

den meinen weckt.

 

Ich brauche Menschen,

deren Mut mir zuruft,

dass Gott mich braucht.

 

Auch mich.     

 

Herbst           (Rainer Maria Rilke)

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

                                   Und in den Nächten fällt die schwere Erde

                                   aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: Es ist in allen.

                                   Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

                                   unendlich sanft in seinen Händen hält.